Ob Elbphilharmonie, Raumstation ISS oder Bolschoi-Theater. Die Niedersachsen sichern mit raffinierter Technik vor Bränden - unter härtesten Auflagen.

Es war ein Zufall, der Werner Wagner vor mehr als 30 Jahren zum Brandschutz brachte. Damals arbeitete der Ingenieur noch im Sicherheitsgewerbe und schützte vor Einbruch. „Wir haben große Areale abgesichert wie Rechenzentren und auch Kernkraftwerke“, berichtet er. 1976 als Ein-Mann-Unternehmen gestartet, kam 1982 sein erster Großauftrag: Für das atomare Zwischenlager in Gorleben organisierte er mit dann bereits 20 Mitarbeitern die Freilandüberwachung. Sein Einbruchmeldekonzept zum Schutz der Außenlager in Gorleben soll so ausgetüftelt gewesen sein, dass selbst ein Trupp der Eliteeinheit GSG 9 es nicht überwinden konnte. Drei Millionen Mark brachte das damals. Zwei Jahre später kamen Durchbruch und Wende. Wagners Leute sicherten damals das Rechenzentrum der Niedersächsischen Sparkassenverbands. Dort war es zu einem Feuer im Maschinensaal gekommen, der von der Brandmeldeanlage nicht gemeldet wurde. „Der Kunde fragte, ob wir eine Lösung entwickeln können“, erinnert sich Wagner. „Daraufhin haben wir ihm eine Lösung erarbeitet und den Auftrag bekommen.“ Der erste große Schritt in den Brandschutz war getan.
Heute ist die Wagner Gruppe, die ihren Hauptsitz in Langenhagen bei Hannover hat, einer der führendsten Hersteller von Brandschutzlösungen. „Als wir 1986 mit der Brandmeldetechnik angefangen haben, haben wir die Mitarbeiterzahlen innerhalb von sechs Jahren von 24 auf 75 gesteigert“, sagt Wagner. Heute beschäftigt das Unternehmen mehr als 540 Mitarbeiter. Die Kundenliste liest sich wie ein globales Who’s who. Nicht nur Industriekonzerne wie VW oder BASF und Handelsriesen wie Amazon gehören dazu. Auch in der Hamburger Elbphilharmonie, im Lager des Bolschoi-Theaters in Moskau oder in der British Library gibt es Brandschutzsysteme aus Langenhagen. In Hamburgs neuem Wahrzeichen, der Elbphilharmonie, sind Konzertsäle, Foyers und Technikbereiche mit Brandfrüherkennung der Firma ausgestattet. „Das war auch für uns eine Herausforderung“, sagt Wagner über die Elbphilharmonie. Die Technik müsse schützen, ohne den Klang im Konzerthaus zu beeinträchtigen. „Bei der Raumstation ISS sind wir auch dabei“, berichtet der Firmensenior.

1996 trat Wagners Sohn Torsten in das Unternehmen ein. Vater und Sohn führen die Gruppe heute gleichberechtigt als Geschäftsführer. „Eigentlich war ich von Anfang an dabei“, sagt Torsten Wagner. Schon als Schüler verteilte er im Ort die Flyer, auf denen für die Einbruchschutzanlagen des Vaters geworben wurde. Für beide war Konstanz immer wichtig. „Wir wollen organisch wachsen und ein Familienunternehmen bleiben“, sagen sie. Das Unternehmen wächst seit Jahren stabil. Bei genauen Zahlen sind die Wagners verschlossen wie die meisten Firmen in Familienbesitz. Die Grafik, die der Firmengründer in seiner Präsentation zeigt, belegt aber über die Jahre ein solides Wachstum, das sich in deutlichen Schritten über die Jahre der 100-Millionen-Euro-Marke nähert. „Wir haben eine gesunde Kapitalausstattung und sind nicht von Banken abhängig“, sagt Werner Wagner. Der Ingenieur ist eben nicht nur Techniker, sondern auch Unternehmer. Bestimmte Unternehmenskennzahlen seien vorgegeben und dürfen nicht unterschritten werden, sagt er. „Ansonsten sind Veränderungen sofort einzuleiten.“ Das Unternehmen müsse profitabel sein und bleiben.  

Unabhängigkeit ist dem Firmenpatriarchen wichtig. „Ich wollte als Ingenieur arbeiten und vor allem unabhängig sein“, sagt Werner Wagner. „Das habe ich mir ermöglicht, indem ich ein Unternehmen gegründet habe.“ Der Austausch in der Familie ist eng, auch privat leben sie nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Dass die Familientradition in der nächsten Generation weitergehen wird, ist bereits gesichert. Torsten Wagners Sohn studiert Elektrotechnik im 6. Semester.
Der Schwerpunkt der Brandschutzlösungen von Wagner liegt auf der Früherkennung von Bränden. In der Technik der sogenannten Ansaugrauchsysteme ist das Unternehmen globaler Technologieführer. „Diese Systeme sind bis zu 4000 Mal sensibler als Standard-Punktmelder“, sagt Wagner. Die Empfindlichkeit darf dabei aber nicht zu Fehlalarmen führen. Der Melder muss also sensibel reagieren und unterschiedlichen Rauch erkennen können. Eine der neuen Grundtechnologien, an der die Entwickler des Unternehmens fünf Jahre lang gearbeitet haben, ist ein System, das Störgrößen wie Theaternebel oder Zigarettenrauch von echten Bränden unterscheiden kann. Im Theater müssten Brandschutzanlagen bei Rauch auf der Bühne bisher immer abgeschaltet und Brandwachen aufgestellt werden. Die neue Technik könne das unterscheiden. „Das werden wir jetzt vermarkten“, kündigt Werner Wagner an.
Weil die Wagners auch in Zukunft vor allem organisch wachsen wollen, sind Forschung und Entwicklung extrem wichtig. Da beschäftigt das Unternehmen 70 Mitarbeiter. Global gibt es mehr als 700 Patente. Mit der Innovationsstrategie hat die Wagner Gruppe ihr Portfolio über die Jahre stetig ausgeweitet. „Unser Schwerpunkt für die Entwicklung eines Brandschutzkonzepts lag am Anfang auf der Früherkennung von Bränden. Später haben wir die Gaslöschtechnik zur Komplementierung unserer Lösungen selbst entwickelt. „Heute sind wir auch führend in der Brandvermeidung mit Sauerstoffreduktion“, berichtet Werner Wagner. Der Gesetzgeber lege beim Brandschutz den Schwerpunkt auf den Schutz von Menschen. Die Kunden möchten aber, dass auch ihre Werte geschützt werden – seien es nun Dokumente oder Tiefkühllager. „Wenn da Rauch durchzieht, wird sämtliche Ware unverkäuflich, dann ist alles verloren.“ OxyReduct nennt sich das System, das Wagner beim Brandschutz des Lagers im Bolschoi-Theater in Moskau anwendet. Russland ist mit diesem Kunden zu einem wichtigen Markt geworden. Dort betreibt Wagner wie an verschiedenen anderen europäischen Standorten Tochtergesellschaften. Das Grundprinzip von OxyReduct ist einfach. „Damit senken wir die Sauerstoffkonzentration unter die Entzündungsgrenze der im Lager vorherrschenden Materialien ab“, berichtet Torsten Wagner. Der Mensch bemerke die Veränderung gar nicht, sagt er. „Sie könnten versuchen, eine Zigarette anzuzünden. Es würde ihnen nicht gelingen.“
In der Branche ist die Wagner Gruppe mit ihren Brandschutzlösungen über die Jahre zu einem festen Begriff geworden. 15 Prozent des Umsatzes macht das Unternehmen mit reinem Produktgeschäft, das es an Partner wie Bosch oder Siemens verkauft. Das sind Komponenten, die sie aus Langenhagen zuliefern. „Wir wissen teilweise selbst nicht, wo unsere Systeme installiert sind“, sagt Wagner. Zur Wachstumsstrategie dieses Familienunternehmens gehörte aber schon immer der Wandel. Jetzt wollen die Wagners auch in der Öffentlichkeit präsenter sein. Auch wenn Wagner in der Branche einen sehr guten Ruf habe, hat das Unternehmen für die Öffentlichkeit bislang eher im Verborgenen agiert. „Das ändern wir gerade“, sagt der Firmengründer.
Seine Entscheidung in den achtziger Jahren, das Unternehmen zum Anlagenbauer für Brandschutz zu machen, hat Werner Wagner indes nie bereut. „Damit verbinden die Menschen etwas Positives, und das wirkt sich auch auf unsere Mitarbeiter aus.“

Quelle: Carsten Germis in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Montag 16. April 2018, Nr. 88, Seite 21